Techno-sinnlicher Sonntags-Brunch

Sollten Hörgeräte nicht pink sein? Gibt es bald Musikgeräte, die wie Kaugummis oder Chips funktionieren? Welche Rolle spielt der Klang beim Biss ins Frankfurter Würstchen? Warum haben Gesundheits-Vorsorge-Produkte keinen Wow-Faktor? In Amerika gibt es bereits “coole” Beinprothesen für die Heimkehrer aus dem Krieg…
Wie sinnlich ist Technologie – vor allem digitale Technologie? Nicht weniger spannend als amüsant diskutierte eine hochkarätige Expertenrunde im Rahmen eines Sonntags-Brunches in neu marx. Mehr davon in Kürze auf diesem Blog.

Posted in Cognitive Science, Konstruktivismus, Neurowissenschaften, Philosophie, Sinnlichkeit_und Technologie | Leave a comment

Technologie als sinnliches Erlebnis

Technologie als sinnliche ErfahrungDass Technologie auch irgendwie mit sinnlicher Erfahrbarkeit zu tun haben könnte, faszinierte mich seit ich Ende der Achtziger Jahre das erste Mal den Begriff “Multimedia” hörte. Eine Zeit, in der es aufregend war, beim Buchhändler Shakespeare & Company den Duft englischer Poesie zu spüren, zwischen den verschiedensten ledernen Filofaxes zu wählen oder die unterschiedlichsten Montblanc-Füller mit verschiedenfarbigen Tinten auszuprobieren. “Limited Edition” lautete das Schlagwort der Stunde, denn “das Besondere ist begrenzt”. Man denkt dabei an edle Materialien und alle erdenklichen Arten von Luxus, Ästhetik und Wohlgefallen.

Wie konnte das eben entstehende digitale Zeitalter so grundlegende Bedürfnisse befriedigen? Companies wie Apple oder Sony verstanden sich schon damals auf ein betont innovatives avantgardistisches Image und achteten daher sehr genau auf die Sehnsüchte ihrer Zielgruppen: Early adopters wollte man umgarnen, wie auch immer geartete Eliten und deren Luxus- und Kulturbedürfnisse. Muß man Technologie erst sinnlich begreifen, wenn man sie wirklich verstehen will? Florian Brody diskutiert darüber in einer hochkarätigen Expertenrunde anlässlich eines “After-Conference-Brunch” am Tag nach der TEDxVienna. Die passende Location: Ein pulsierender Stadtteil, in dem “Zukunft” passieren soll: neu marx.

Posted in Cognitive Science, Konferenz, Medienkompetenz, Philosophie, Sinnlichkeit_und Technologie, Zukunftsweb | 2 Comments

Cognitive Science: Wie wir wissen, was wir wissen

Kunstwerke sind nicht nur schön, sondern warten darauf, neurowissenschaftlich gelesen zu werden. Der renommierte Forscher Patrick Cavanagh, der an der Harvard University das Vision Sciences Laboratory leitet, hält die Gombrich-Lecture der Forschungsplattform “Cognitive Science”. Geleitet wird die Plattform von Markus Peschl vom Institut für Philosophie und Helmut Leder, Vorstand des Instituts für Psychologische Grundlagenforschung. Daran beteiligt sind ForscherInnen von insgesamt neun Fakultäten der Universität Wien sowie Wissenschaftler der Medizinischen Universität Wien, der Akademie der Wissenschaften und außeruniversitärer Forschungseinrichtungen.
Denken, Lernen, Gedächtnis oder Sprache – was motiviert uns, welche bewussten oder unbewussten Prozesse laufen ab, wenn wir fühlen, denken, handeln? Im März sprach ich mit Markus Peschl darüber, was Kognitionswissenschaften wollen und wie wir wissen, was wir wissen. Hier ein aktueller Hinweis auf eine jüngst ausgestrahlte 3Sat-Sendung zum Thema: Zwischen Psychoanalyse und Neurowissenschaften: Gert Scobel im Gespräch mit Siri Hustvedt und António Damásio.

Link: Interview Markus Peschl: Kognitionswissenschaft: Neues Wissen durch verschiedene Ansätze. Wie wissen wir was wir wissen? (Teil 1)

Link: Jan. 2011, Cognitive Science in Wien

Posted in Cognitive Science, Kommunikation, Medien, Neurowissenschaften, Philosophie | Leave a comment

Rinks und lechts, neoliberal, open data oder was?

Dass rinks und lechts sich leicht velwechsern lassen, wusste schon Ernst Jandl. Geht es im Leben nicht immer um Ideologien? Und geht die Summe der jeweiligen Zielvorstellungen nicht allzu oft auf Kosten von Werten? Werten wie Freiheit und Selbstbestimmung?
Rinks contra lechts? Neoliberalismus contra Gemeinwohl? Datenschutz contra “open data”? Welche Rolle spielen Ideologie und Politik in scheinbar “wertneutralen” Inhalten? Informatik contra Geisteswissenschaft?
Ted Nelson, populärwissenschaftlich als “Erfinder” des Hypertext-Konzeptes bezeichnet, wollte “keinen Beitrag zur Disziplin der Informatik” leisten – so gelesen auf einer Website des aktuellen und sicher spannenden neuen “Propädeutikum Webwissenschaften” in Linz. Konzept versus Konzept. Wie lassen sich Aussagen und Phänomene höchst unterschiedlicher Disziplinen vernetzen? Brauchen Werte (oder Weltanschauungen?) einen grundsätzlichen Relaunch? Aber wer wäre befugt, darüber zu bestimmen? Kein Zweifel Herr Horx, der Wandel ist immer und überall, da brauchts gar keine Zukunftsforschung… und daß unser aller Freiheit auf dem Spiel steht, wenn wir nicht endlich beginnen all das und mehr zu hinterfragen, ist eine Tatsache.
Ein hervorragendes Nachtstudio sei hier allerwärmstens empfohlen – zu sehen hier im Netz. Thema: Der genormte Genuss. Wenn die Freiheit auf dem Spiel steht. Trinken verboten, Rauchen verboten, Glühbirnen abgeschafft. Mit immer neuen Regelungen und Verordnungen wird Freizügigkeit in unserem alltäglichen Leben normiert und eingeschränkt. Setzen wir im Namen von Umweltschutz und Volksgesundheit unsere Freiheit aufs Spiel? Der Wiener Kulturwissenschaftler Robert Pfaller präsentiert Elemente materialistischer Philosophie als Aufforderung zu mehr Genuss und Lebensfreude. Freiheit gibt es nicht ohne Restrisiko, meint er. To be continued…


Posted in Kommunikation, Konstruktivismus, Medienkompetenz, Philosophie, Zukunftsweb | Leave a comment

Art(ificial) Intelligence and intelligent Art(ist)s at TEDxVienna

Mit RobertTrappl konnten die Veranstalter der TEDxVienna einen weiteren Top-Speaker ins Boot holen: Er ist einer der Pioniere der Fusion von Wissenschaft, Kultur und Technologie in Österreich. Dass neue aufregende Formen der Wissensvermittlung entstehen würden, hatte sich schon vor Jahren abgezeichnet, etwa als ich 2003 Trappl mit der Regisseurin und Filmexpertin Martina Theininger gemeinsam für ein Ö1-Radiokolleg interviewen durfte. Thema: “Neue Weltmodelle? Fusion von Wissenschaft, Kunst und Technik”. Ich kannte Trappl von den bahnbrechenden Lehrveranstaltungen Anfang der Neunziger, die er damals ins Leben gerufen hatte – AI and the Arts. Ein weiterer erfahrender TED-Speaker (auch heuer in Wien dabei) war dort übrigens auch schon vertreten: Florian Brody. Es wird spannend, den Bogen zur Jetztzeit zu entdecken.

Posted in Festival, Kommunikation, Konferenz, Medien, Philosophie, Zukunftsweb | 1 Comment

Innovationsmetropole Wien?

In meinem morgigen APA-Gastkommentar “Zukunftsmarkt Österreich” werfe ich die Frage auf, inwieweit Wien zur Innovationsmetropole werden könnte? Und wenn ja, warum es so leise passiert? Tatsache ist, dass sich eine Reihe renommierter Konferenzen und spannender Aktivitäten hier in erfrischender Frequenz abwechseln. Als ich den Kommentar schrieb, wusste ich noch nicht, dass WWW-Gründer Tim Berners-Lee im Oktober nach Wien kommt – hier geht´s zum Livestream – oder dass der Philosoph Nicholas G. Carr sich in Wien die Frage stellen wird, ob Multitasking und Websurfen eine neue Perzeption bewirken? Dies während der Medientage Ende September… Ja, Österreich ist immer noch ein “wissensbasiertes Land”, wie es dort auf der Website heisst. Auch wenn es dieser Tage in den korruptionsgefüllten “Zeiten im Bild” gar nicht so im Vordergrund steht…

Posted in Festival, Kommunikation, Konferenz, Medien, Medienkompetenz, Philosophie, Semantic Web, Zukunftsweb | Leave a comment

What´s next?

Diese Frage hat in der Informations(technologie)- Branche schon immer die zentrale Rolle gespielt. Dass Steve Jobs 1986 die Firma NeXT gründete, geht angeblich auf einen Spaziergang zurück, auf dem sich der Visionär genau diese Frage gestellt und daraus die neue Produktidee entwickelt hatte. Und wenn die heurige Ars Electronica sich dem Thema Ursprung – (Origin – wie alles beginnt) – widmet, dann tut sie das wohl kaum aus konservativen Beweggründen, sondern eher aus Interesse an einer Zukunft, deren Fundament erst die Perspektiven freilegen kann, die Weiterentwicklungen benötigen. Als Beispiel mag die Begegnung dienen Ars Electronica meets CERN – (wo unter anderem das Web geboren wurde).

Im “Zukunftsweb” sind die Themenfelder, die sich rund um dessen Weiterentwicklung und Erforschung ranken – breit gestreut: Ob aus sozialen, philosophischen oder wirtschaftlichen Gründen – und nicht zuletzt aufgrund der Vielfalt der im Internet eingesetzten Technologien. Innerhalb der nächsten Jahre werden es die Digital Natives sein, die in sämtlichen Sparten informationsgetriebener Unternehmen den Ton angeben. Davon sind nicht nur die Mitarbeiter der Semantic Web Company überzeugt. Zweifellos eine große Herausforderung. Es macht Spaß, Teil des Teams zu sein. Antworten zu finden für die Entwicklungen, die auf uns zukommen. Und immer wieder die Frage zu stellen – what´s next?

Posted in Festival, Kommunikation, Medien, Semantic Web, Zukunftsweb | Leave a comment

Dominosteine, Schuhbänder und Fontänen

Das Thema der heurigen TEDx Vienna Konferenz ist der “Domino Effekt” und seine metaphorische Ausdehnung mäandert über die Kalifornien-Wien-Connection in den Rest der Welt. Abgesehen von der inhaltlichen Komponente dieses spannenden Themenumfelds mag vielleicht eine subjektive Assoziationskette erste Inspirationen liefern…

Hätte X sich nicht gerade die Schuhbänder zugebunden, wäre er über die Strasse gegangen und überfahren worden. Ein mit der Familie befreundeter Physiker erklärte mir einst das Kausalitätsprinzip – einer Zwölfjährigen angepasst – anhand eines simplen Beispiels, nach dem er seine “Schuhbandel-Theorie” benannte. Eine Thematik, die mich auch weiterhin faszinieren sollte und viele Jahre später an der Uni freute ich mich, dass auch Kant die Kausalität als Notwendigkeit begriffen haben soll; vor allem die erstrebenswerte Kausalität der Freiheit war´s, die mir dabei gefiel und die für mich schreiende Frage, ob denn Kausalität mit Freiheit vereinbar wäre? Immer war es die Visualisierung von Domino-Steinen, die meine Vorstellung einer Abfolge von Ereignissen unterstützte, die wiederum neue Ereignisse bewirken. Abgesehen von Bedeutungen, Zusammenhängen und Verantwortlichkeiten steigt nun ein neues Bild auf in der Assoziationskette – ein Wunschbild, das freilich durch die überhitzten Sommertage inspiriert sein mag: Herrlich kühlende Fontänen, in denen sich das Licht in allen Spektralfarben bricht, eine beeindruckende Kaskade plätschernder Wasserspiele mit hintergründiger Symbolik in einem herrlich weitläufigen Schlosspark…

Posted in Festival, Kommunikation, Konferenz, Phantasie, Philosophie, Poesie | Leave a comment

“Die Macht der Sprache ist größer als die Macht der Realität”.

So lautet die Überzeugung des Schriftstellers Peter Turrini. Ich neige aus tiefem Herzen dazu, diese Überzeugung zu teilen. Nicht nur, weil ich selbst schreibe. Der mediale Alltag beweist mir fast täglich, wie viel Wahres in dieser Aussage steckt. Vor allem wenn man den Sprachbegriff weiter fasst – und etwa auch die Sprache des Bildes oder Videos inkludiert. Anlässlich der Klagenfurter Bachmann-Tage denkt Turrini im ORF-Interview mit Katja Gasser über das komplexe Zusammenspiel von Leben und Literatur nach. Jenseits der Sprache hört die Menschlichkeit auf, so Turrini.
Immer wieder ein Born der Emotion, immer wieder ein Feuerwerk des Wortes, wenn sich am Wörthersee die alljährlichen Literaturdiskussionen abspielen – vor den Augen und Ohren jener, die sich vom geschriebenen Wort nur zu gern entführen lassen. Dank der grossartigen 3sat Sendungen. Und Jahr um Jahr gilt der Bachmann-Preis in Klagenfurt auch heute noch als Spielwiese für Perspektiven und als Streitfall für Experten. Juroren im allgemeinen und im speziellen werden hinterfragt wie selten – ebenso wie die Autoren selbst. Kaum irgendwo sonst spielt subjektiver Geschmack, Empfindung oder Wahrnehmung so eine grosse Rolle wie in der Kunst – und speziell im geschriebenen Wort, das mir immer und ganz besonders am Herzen liegt.

Posted in Buch, Festival, Literatur, Phantasie, Philosophie, Poesie, Schreiben | Leave a comment

Eine bedeutungsvolle Vernetzung: 25 Jahre Computerwelt

Ein leidenschaftlicher Rückblick

25 Jahre „Computerwelt“. Wenn ich sagte, mein gesamtes (berufliches) Leben stünde in gewisser Weise mit diesem Faktum in einem Zusammenhang, so wäre das kaum übertrieben. Auch wenn ich vor 25 Jahren noch völlig unbeleckt und bar jeglicher Digitalentwicklung glücklich war. Doch das sollte sich bald ändern.
Computerwelt. Die Zeitung feiert ihr 25-jähriges Jubiläum. Wenn wir uns heute mit der Zukunft der Computerwelt beschäftigen, dann geht es nicht selten um digitale Beziehungen oder kommende Entwicklungen im Web. Von einem „digitalen Jahrhundert“ ist da etwa die Rede in einem internationalen Konferenzformat namens SIME, das neuerdings mit der SIME Vienna auch in Wien ein Zuhause fand. Ebenso wie die Konferenz TEDxVienna, die MIT Europe Conference, die Enable Konferenz und viele andere Gelegenheiten zum persönlichen interdisziplinären Gedankenaustausch über die Zukunft unserer Gesellschaft.

„IT war früher eine Branche und schafft jetzt die Strukturen, in denen Gesellschaft stattfindet“, so beschreibt der deutsche Blogger und Strategieberater Sascha Lobo schon im Vorjahr das Phänomen WEBciety. Abgesehen von der dramatisch erhöhten Relevanz bedeutet das aber auch eine große Verantwortung, auf die sich nicht oft genug hinweisen lässt.

Worin genau liegt diese Faszination des Digitalen? Abgesehen davon, dass heute niemand mehr dem Phänomen entkommt. Ich kann nicht sagen, wie lange es genau her ist, dass man darunter hässliche Armbanduhren ohne Ziffernblätter mit eckigen rot leuchtenden arabischen Ziffern verstand – es sind gefühlte Menschenzeitalter, die seither vergangen sind. Die Computer der Raumfähre, mit der Neil Armstrong auf dem Mond landete hatten eine geringere Rechenleistung als ein heutiges Handy. Was bedeuten da ein paar Jahre?

Und wer sind die digitalen Vordenker von heute? Nicht mehr Negroponte, Steve Jobs oder Bill Gates heißen sie – auch nicht mehr Tim Berners-Lee oder Ted Nelson. Es sind Menschen, die teilweise nicht bekannt sind in der Öffentlichkeit und man findet sie bei Fachkonferenzen oder im Internet. Wie lauten ihre Themen und Herausforderungen? Und wo liegen Parallelen zu den Themen und Herausforderungen von vor 25 Jahren? Das Antwortfeld, das sich hier öffnet, kann mit einem Artikel und wohl nicht einmal mit einem Buch gefüllt werden. Klar ist, dass wir uns mitten in einer Hochspannungs-Phase befinden, dass es viel zu tun gibt und dass wir eine Menge zu lernen haben.

Im selben Jahr als die „Computerwelt“ zum ersten Mal erschien, 1986, ereignete sich übrigens die Katastrophe von Tschernobyl. Parallelen zur Jetztzeit liegen leider nur allzu offensichtlich auf der Hand. Manchmal genügt eben ein Augenblick um die Geschicke unserer Welt für immer zu verändern.

„Allem Zukünftigen beißt das Vergangene in den Schwanz“ denke ich heute oft, wenn ich in meinem beruflichen Alltag über semantische Technologien nachdenke und schreibe. Wenn der Philosoph Friedrich Nietzsche von der Ewigen Wiederkehr des Gleichen spricht, so ist dieses zyklische Zeitverständnis für ihn die Grundlage höchster Lebensbejahung. „… Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht – und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!…“

So buchstäblich „verstaubt“ diese literarische Sprache manch heutigem Ohr klingen mag – ihr Inhalt hat durchaus etwas Tröstliches. Und wie vieles, was heute als unbedingte Innovation verkauft wird – sei es der Haushaltsroboter, das elektronische Papier oder das intelligente Haus – klingt manchem vertraut und ringt ihm vielleicht ein scheinbar abgeklärtes Lächeln ab. Dennoch kann manches vielleicht heute die Welt verändern, wo es vor Jahren noch nicht möglich war. Denn jede Veränderung braucht und hat ihre Zeit.

3. Juni 1996: Jubiläumsausgabe 10 Jahre „Computerwelt“:

DIE FASZINATION DES WANDELS

@ Home is my Castle

Ein Rückblick von Marion Fugléwicz

„Wir gehen ins Hypermorgen. Hyper heißt: Wir überschreiten uns. Die Welt wird mehr, verbundener und tiefer“. Peter Glaser*)

Als im Sommer des Jahres 1987 einige Mitglieder des Hamburger Chaos Computer Clubs sich Zugang verschafften zu über 120 Rechnern, die, wie sie überrascht feststellten, ein riesiges, weltweites Computernetzwerk bildeten, las ich in Wien rein zufällig eine kleine Anzeige in einer mir unbekannten Zeitung, die „Computerwelt“ hieß und einen Redakteur suchte. Wenig später kam ein spektakulärer „NASA-Hack“ in die Schlagzeilen und eine staunende Öffentlichkeit erfuhr erstmals von der Existenz dieser Netze.

Die Katastrophe von Tschernobyl lag schon eineinhalb Jahre zurück, als ich bei der „Computerwelt“ Redakteurin wurde. Auf meinem Schreibtisch stand ein Monitor mit flaschengrünem Bildschirmhintergrund, die weißen Buchstaben darauf sahen – nicht nur für das mittlerweile „multimedial verwöhnte“ Auge – unästhetisch aus und der riesige Kasten unter dem Tisch, der meinen Beinen immer irgendwie im Weg stand und auf den ich meine Handtasche stellte, wurde CPU (Central Processor Unit) genannt.

Es war (nicht nur für mich) eine Zeit der Anfänge, der großen, klobigen Maschinen und dennoch eine Zeit, die der Computerindustrie große Gewinne versprechen sollte. Mein erstes „Schwerpunkt-Thema“, dessen Recherche mir großen Spaß bereitete, lautete „Ergonomie“ und zeigte mir schonungslos auf, daß nahezu jegliches Arbeitsmittel in meiner nächsten Umgebung verbesserungswürdig war – dennoch liebte ich die Atmosphäre der Redaktionsräume; die Hektik, den neuesten Branchenklatsch, das Aufgabengebiet, die KollegInnen.

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt ein fast fertiges Philosophiestudium sowie einen Uni-Abschluß für Werbung und Verkauf hinter mir, aber – abgesehen von einigen Erfahrungen als Werbetexterin – kaum berufliche Gewieftheit, geschweige denn Routine. In keiner Lebensphase habe ich je so viel gelernt wie in meiner Zeit als Journalistin und kaum eine Erfahrung meines Lebens empfand ich als so abenteuerlich wie die kontinuierliche Wandlung meiner Einstellung zu Computern: Ich vermeinte diese gräßlichen Maschinen zu hassen, die unberechenbar und kompliziert waren, deren Betriebssysteme und Programme abstürzten und die – so wurde gemunkelt – den Menschen ihre Jobs wegnehmen würden.

Wann es schließlich geschah, weiß ich nicht mehr so genau. Es dürfte in meinem ersten Redaktionsjahr gewesen sein und hatte wohl einen Zusammenhang mit dem Aufkommen „intuitiver Benutzeroberflächen“ und ansprechender Icons, daß ich plötzlich begann, intensivstes Interesse für neue Technologien zu entwickeln; und als ich irgendwann das erste Mal bewußt über den Begriff „Multimedia“ reflektierte, wußte ich, daß ich mein Thema gefunden hatte.

Daß zu diesem Zeitpunkt im Multi-Millionen-Dollar teuren Media Lab, dem Think Tank des MIT (der ebenso wie die „Computerwelt“ heuer seinen 10. Geburtstag feiert) schon konzentriert an Projekten gearbeitet wurde, um „die Zukunft zu erfinden“, war mir damals, vor etwa acht Jahren, nicht bekannt. Zukünftige Formen menschlicher Kommunikation und Unterhaltung wurden dort bereits analysiert, als ich in den Räumen der „Computerwelt“ die Faszination interdisziplinärer Forschungsprojekte entdeckte und im Redaktions-Archiv allen Themen erlag, die mit dem immer lästiger werdenden Modebegriff „Multimedia“ zusammenhingen. Eine Art planetares Gewebe erfasste mich und begann wie ein Klammeraffe @ und dennoch behutsam, mich in seinen Bann zu ziehen. Heute gehört die Vernetzung für mich zu den spannendsten und interessantesten Themen meines Berufs und meines Lebens.

Szenenwechsel.
Zwei Jahre vor der Gründung der „Computerwelt“, im magischen Orwell-Jahr 1984, sind erstmals mehr als 1000 Systeme ans Internet angeschlossen. 1986 geht das amerikanische National Science Foundation Net (NSFNET) in Betrieb. Es verfügt über eine Hauptleitung (backbone) mit einer damals eminenten Übertragungsrate von 56 Kilobit pro Sekunde, die fünf Supercomputer-Zentren miteinander verbindet. Im Herbst 1988 startet der Informatikstudent Robert Morris von einem Terminal an der Cornell-Universität aus ein von ihm verfasstes – an sich harmloses – Wurmprogramm. 48 Stunden später wird der nationale US-Sicherheitsrat einberufen. Das improvisierte Computer Emergency Response Team (CERT) wird später institutionalisiert.

Zur gleichen Zeit wird aus dem 14-tägig erscheinenden Insider-Fachblatt „Computerwelt Österreich“ eine namhafte Wochenzeitung für EDV und Wirtschaft, die am Kiosk von einem breiten Publikum gekauft wird. Auf den roten Wiener Straßenbahnen prangt unübersehbar das „Computerwelt“-Logo, im Rundfunk läuft ein Werbespot.

Schnitt.
Heute gibt es Baudraten von 28.800 bps und höher und Rechner, die – etwa dank leistungsstarker RISC-Prozessoren und Grafikbeschleuniger so gewaltige Datenmengen verarbeiten können, daß sie mit Virtual Reality-Applikationen neue Dimensionen erschließen. Heute hat die „Computerwelt“ über 100.000 Leser. Heute steckt die Welt im Internet-Fieber. Im Jahr 2010 wird es – laut IDC – eine Millarde Internet Anwender geben. Man spricht von einer Revolution im Bereich der Informationsgesellschaft. Revolution bedeutet Bruch mit der Vergangenheit. Nichts allerdings ist so gefährlich für die Zukunft wie das Leugnen der Vergangenheit, auf der sie aufbaut. Ich für meinen Teil möchte keines der letzten zehn Jahre missen und keinen Tag, an dem ich in der „Computerwelt“ etwas gelernt habe. Sie wird immer mein berufliches Zuhause sein. The first cut is the deepest. (Der erste Hacker dringt am tiefsten ins System ein:-)

Happy Birthday und – auf die nächsten zehn Jahre!

*) Aus: Online Universum, Metropolitan Verlag Düsseldorf, 1996. Von meiré und meiré und Peter Glaser. ISBN 3-89623-016-6. Gesehen bei Gerold Neue Medien und Shakespeare & Company, Wien.

Posted in Computerwelt, Kommunikation, Medien, Zeit, Zukunftsweb | Leave a comment