Wie komplex ist die Welt – die Faszination des Modells

Nicht nur Frauen denken beim Begriff “Model” sofort an die Idealfigur. Andere Assoziationen mal beiseite gelassen: Es geht um das Abbild, Vorbild oder Muster. Selten erlebte das Modell als Phänomen im Spannungsfeld zwischen Kopie und Original einen solchen Aufschwung wie heute im Zeitalter des Kopierens, des Mashup, der Remix-Kultur. (Das Wort Modell entstand im Italien der Renaissance als ital. modello, hervorgegangen aus lat. modulus, einem Maßstab in der Architektur, und wurde bis ins 18. Jahrhundert in der bildenden Kunst als Fachbegriff verwendet – Wikipedia)

Das Modell fasziniert uns – sei es in der Kunst, in der Philosophie oder der Mathematik: Als Abbild der Wirklichkeit, als Repräsentation eines Originals, das selbst wieder zum Modell werden kann. Wir begegnen dem Modell auf Schritt und Tritt – als Verkürzung der Wirklichkeit in Theorien der Ökonomie, Informatik oder Kunst. Auch der Journalismus verkürzt, er muss Wirklichkeiten vereinfachen und daher verkürzen, weil die Komplexität zu groß ist, um sie in kürzester Zeit erfassbar zu machen (wie gut oder schlecht das gehandhabt wird, gehört in einen anderen – nicht weniger spannenden Diskurs).

“Keep it simple and stupid”:
(Unzulängliche) Verkürzung zur Steigerung der Effizienz?
Wie hoch muss der Grad der Komplexität sein, damit wir etwas (als wahr oder falsch) erkennen? Und wie macht man Sachverhalte verständlich darstellbar, ohne wichtige Attribute wegzulassen? Ein Modell umfasst ja naturgemäß nicht alle Eigenschaften des Originals – könnte daher also auch als „Verkürzung“ oder Vereinfachung bezeichnet werden. Auch wenn das Modell in den verschiedenen Disziplinen unterschiedliche Bedeutungen hat, so geht es doch immer um Repräsentation oder Abbildung von Wirklichkeiten. Dabei drängt sich die Frage auf nach der Unzulänglichkeit von Verkürzungen. (Philosophen sprechen von zureichenden Lösungen und unzulänglichen Verkürzungen).
Jedoch…
… gerade “… die Vereinfachungen, die wir nutzen, machen das Gehirn so effizient“, erklärte kürzlich in Wien Patrick Cavanagh, US-Psychologe und Leiter der Vision Sciences Laboratories der Universität Harvard: Unser Gehirn sei nämlich höchst komplex, aber nicht alles, was wir tun, um die Welt wahrzunehmen, müsse deshalb ebenso komplex sein. Der Wahrnehmungsforscher geht nämlich davon aus, dass in unserem Gehirn vielfältige Arten der Vereinfachung einsetzen, um visuelle Darstellungen schnell und effizient verarbeiten zu können: “Unsere Innen-Darstellung der Welt beinhaltet zweidimensionale Repräsentationen”. Und, so Cavanagh: “Künstler verstanden Wahrnehmung viel früher als Wissenschafter das taten”. Kunstwerke können somit als Schlüssel zu unserer kognitiven Wahrnehmung dienen – und geben uns damit Einblicke in das Funktionieren unseres Gehirns.

Im Rahmen der Gombrich Lectures der Forschungsplattform für Cognitive Sciences der Universität Wien hielt  Cavanagh den Vortrag „The Artist as Neuroscientist“. Er machte etwa auch deutlich, wie Maler das Gehirn “austricksen” können und mit welchen Regeln das Gehirn die Welt strukturiert.

Link:
Das Mashup als ultimative Lebensform, von Marion Fugléwicz-Bren

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